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Ein Glöckchen im Wald beklagt Priestermangel

Ein Glöckchen im Wald beklagt Priestermangel
Ein Glöckchen im Wald beklagt Priestermangel
© Rudi Grabowski
© Rudi GrabowskiAlexander Leyendecker läutet das Glöckchen.
© Rudi GrabowskiAlexander Leyendecker läutet das Glöckchen.

Die Nistertaler Glöckner von „Klein-Notre-Dame“

Die Gemeinde Nistertal wurde am 7. Juni 1969 im Zuge der rheinland-pfälzischen Verwaltungsreform aus den aufgelösten Gemeinden Büdingen und Erbach neu gebildet. Bereits 1884 wurde von Büdinger Bürgern in der sogenannten Dickheck eine kleine Kapelle errichtet, in der die zum Kirchspiel Rotzenhahn gehörende Gemeinde bis 1922 ihre sonntäglichen Nachmittagsandachten abhielt. Übrigens wurde 1937 der unschön klingende Name Rotzenhahn in Rotenhain umgeändert. Man erreicht heutzutage die Kapelle, wenn man oberhalb der 1922 geweihten Pfarrkirche den Bahnübergang überquert. Nach etwa 500 Metern bergan, findet man das kleine Andachtshäuschen, idyllisch gelegen, rechts im Wald an dem Sträßchen. 1989 erhielt die Kapelle einen von dem Hachenburger Waldemar Hüsch gestifteten offenen hölzerner Vorbau, der von einem schiefergedeckten Turm gekrönt wird. In diesem befindet sich eine ca. 40 Zentimeter hohe Glocke, die von dem Frankfurter Alois Schäfer der Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Die Kapelle ist Maria, der „Mutter Gottes“ geweiht. Wenn man so will, ein „Klein-Notre-Dame“. Der Priestermangel in der katholischen Kirche ging auch an dieser kleinen Kapelle nicht vorbei. Allerdings im positiven Sinne. Denn immer dann, wenn in der Pfarrkirche wegen eines fehlenden Priesters keine Samstagsabend-Vormesse stattfinden kann und deshalb auch nicht die Glocken läuten, schlägt die Stunde, bzw. die Glocke der kleinen Kapelle. So beginnt pünktlich um 17.30 einer der vier „Glöckner von „Klein-Notre-Dame“ das kleine Glöckchen für fünf Minuten zu läuten, dessen heller Klang dann das Nister-Tal erfüllt. Den Dienst an den beiden Strängen der Glocke teilen sich 4 Nistertaler Männer. Paul Leyendecker und sein Sohn Alexander, Otto Henn und Markus Schmitz. Die Glocke ist unbeweglich im Glockenturm aufgehängt. Zwei Seile sind am Klöppel befestigt und führen über Seilrollen nach unten zum Kapelleneingang. Von dort aus kann der diensthabende Glöckner den Klöppel hin und her bewegen und somit das Glöckchen zum Klingen bringen. Damit nicht jeder Besucher sein Gebet mit einem Glockengeläut beendet, befinden sich die Seilenden hinter einer verschließbaren Klappe. Eines Tages fiel nach dem Öffnen der Klappe einem der Glöckner ein ausgehungerter Waschbär entgegen, der irgendwie in den Turm gelangt war, aber nicht mehr den Weg nach draußen fand. Gut, dass an dem Samstag in der Pfarrkirche keine Abendmesse stattfand, sonst wäre dieser flauschige Kapellenbesucher vielleicht verhungert. Ein anderer Glöckner wurde bei seinem frommen Dienst mal von vier sangesmächtigen Wanderen überrascht, die zum Geläut des Glöckchens einen vierstimmigen Marienhymnus intonierten, der den Glöckner so anrührte, so dass er gar nicht mehr aufhören wollte zu läuten. Ein Besuch dieses schönen Andachtsortes ist lohnenswert, zumal auch die unmittelbare Umgebung zu stillem Tun verleitet.

Rudi Grabowski

© Rudi GrabowskiVon links nach rechts: Paul Leyendecker, Alexander Leyendecker, Otto Henn.
© Rudi GrabowskiVon links nach rechts: Paul Leyendecker, Alexander Leyendecker, Otto Henn.
© Rudi GrabowskiMarkus Schmitz schließt den "Glockenstrang-Schacht" ab.
© Rudi GrabowskiMarkus Schmitz schließt den "Glockenstrang-Schacht" ab.